"Bitte, zeichne mir ein Schaf!"

"Der Kleine Prinz" in der Schönfließer Dorfkirche / "Choraphon aus Dresden hatte eigene Musik zum Stück im Gepäck

Schönfliess. "Bitte, zeichne mir ein Schaf!" Die Worte sind nicht laut, aber dafür nicht minder eindringlich. Antoine de Saint-Exupéry ließ seinen kleinen Prinzen diese kleine Bitte zu Beginn des gleichnamigen Buches aussprechen. Der Angesprochene - der Erzähler selbst, der sich gerade nach einem Flugzeugabsturz in der Wüste Sahara befindet - ist sehr erstaunt über die Bitte sowie über die Erscheinung des kleinen Prinzen, "ein kleines höchst ungewöhnliches Männchen."
"Bitte, zeichne mir ein Schaf!", waren am Samstagnachmittag die ersten Worte, die Krishn Kypke an sein Publikum in der Schönfließer Dorfkirche richtete. Dabei klang seine Stimme sanft und bestimmt zugleich; ganz so, wie der kleine Prinz in der eigenen Lese-Erinnerung spricht.
Nach Schönfließ war Krishn Kypke nicht allein gekommen. Seine Begleiter Karl- Alexander Kaiser und Matthias Strauch waren zwar während der Aufführung in der Dorfkirche kaum zu sehen - dafür aber umso besser zu hören. Sie sorgten von der Empore aus an Orgel und Saxophon für spannende Zwischentöne. Zu dritt bilden die jungen Männer aus Dresden die Gruppe "Choraphon". Mit dem Programm "Der Kleine Prinz" sind sie seit drei Jahren in Deutschland unterwegs.
Die Station in Schönfließ war der Auftakt der diesjährigen Sommermusiken. Weniger Kinder als der Titel vermuten ließ waren an dem Sommertag in die kühle Kirche gekommen. Tatsächlich zeigten "Choraphon" keine Märchenstunde, sonder ein rundes musikalisch-literarisches Programm, das hauptsächlich Erwachsene anspricht. Auch Saint-Exupérys Vorlage ist kein Kinderbuch, sondern ein kleines philosophisches Werk mit einer zauberhaften Bildersprache.
Einige Beispiele gab es am Sonnabend zu hören. "Choraphon" erzählt nicht die komplette Geschichte, sondern transportiert die Ideen des kleinen Prinzen über einige ausgewählte Auszüge. So fehlt zwar die berühmte Zeichnung vom Hut, der tatsächlich eine Riesenschlange ist, die einen Elefanten verschlungen hat. Dafür gibt es reichlich Gelegenheit zum Schmunzeln und Nachdenken, wenn Krishn Kypke die Geschichte vom selbstherrlichen König liest, der auf dem Asteroiden 325 lebt, oder in die Rolle der eitlen Rose schlüpft, die den kleinen Prinzen mit ihrer fordernden, vornehmen Art um ihren kleinen Finger - oder um eine ihrer vier Dornen - wickelt.
Die "Choraphon"-Kompositionen sind nicht als Untermalung einer Lesung angelegt. Manchmal experimentell, zumeist aber sehr melodisch erzählen Orgel und Saxophon ihre eigenen Geschichten. Dabei wird, wer das Buch vom kleinen Prinzen in Erinnerung hat, der Musik manche Szene zuordnen können. Doch auch ohne die Buchvorlage im Hinterkopf zu haben, lassen sich zu den vollen Orgel-Saxophon-Klängen vor dem inneren Auge ganz wunderbar Bilder entwickeln.
Nach der Veranstaltung vom Sonnabend werden sicher nicht wenige zu Hause ins Bücherregal gegriffen haben, um noch einmal in der Geschichte vom kleinen Prinzen zu blättern, die der Flieger Saint-Exupéry im Jahr 1943 aufschrieb.

(ja)

(Oranienburger Generalanzeiger, 27.05.2003)